Warum zuerst die Grenze?
Jede Materialflussuntersuchung nach VDI 2689 und jede Materialflussplanung nach VDI 2498 beginnt mit der Abgrenzung des betrachteten Systems. Ohne dokumentierte Systemgrenze sind Mengengerüste, Matrizen und Kennzahlen nicht interpretierbar: Dieselbe Fabrik liefert völlig andere Zahlen, je nachdem ob ein Bereich, ein Gebäude oder der ganze Standort betrachtet wird.
Was festgelegt wird
| Dimension | Festlegung |
|---|---|
| Räumlich | Standort, Gebäude, Bereiche und Flächen innerhalb der Betrachtung |
| Sachlich | Artikel- und Produktgruppen, Prozesse, Ladungsträger, betrachtete Flussarten (Material, Information, Personen) |
| Zeitlich | Bezugszeitraum, Schichtmodell, Saison- und Spitzenfenster |
| Organisatorisch | Schnittstellen zu Nachbarbereichen — sie werden zu Quellen und Senken der Untersuchung |
Typische Fehler
- Grenzen wechseln stillschweigend zwischen Analysen — Ergebnisse werden unvergleichbar.
- Flüsse über die Grenze werden doppelt oder gar nicht gezählt.
- Sondervorgänge bleiben unmarkiert im Durchschnitt und verzerren die Auslegung.
Die Systemgrenze gehört deshalb an den Anfang jedes Mengengerüsts und jeder Materialflussmatrix; das Vorgehen einer Untersuchung beschreibt der Fachartikel zur Materialflussuntersuchung nach VDI 2689, die planerische Nutzung die Materialflussplanung und die Dimensionierung.
Woran Planungen scheitern: die Grenzen
Dass die Systemgrenze über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, ist keine neue Einsicht. Dolezalek formuliert sie 1973 in Planung von Fabrikanlagen als Grundsatz: Von der Festlegung der sachlichen und zeitlichen Grenzen, die für eine Planung von vornherein gezogen werden müssen, hängt ihr Erfolg oder Misserfolg ab.
Er begründet das mit dem Risiko. Jedes Planen sei mit Risiko verbunden, weil niemand die Zukunft genau voraussagen kann — und dieses Risiko werde umso größer, je breiter der Anwendungsbereich einer Planung ist. Ein Planungsfehler in einem einzelnen Unternehmen kann dessen Bankrott verursachen; in einer staatlich gelenkten Wirtschaft trifft er das ganze Gebiet, das zum Planungsbereich gehört.
Für die Projektarbeit folgt daraus eine unbequeme Regel: Eine weit gezogene Systemgrenze ist kein Zeichen von Gründlichkeit, sondern eine Erhöhung des Risikos. Wer den Betrachtungsbereich ausdehnt, um nichts zu übersehen, kauft Unsicherheit ein, die er nicht mehr beherrscht. Die Aufgabe besteht darin, die Grenze eng genug für Beherrschbarkeit und weit genug für Aussagekraft zu setzen — und beides zu Beginn festzuhalten, statt es im Verlauf zu verschieben.
Wie sich die zeitliche Seite dieser Grenze in Lastfälle übersetzen lässt, behandelt die Szenariotechnik.
Quelle: Dolezalek, C. M. (1973): Planung von Fabrikanlagen. Springer. Die Bibliothekskopie ist ein Scan mit OCR-Artefakten; die Aussagen sind deshalb paraphrasiert und nicht wörtlich zitiert.
Systemgrenze in der Praxis: Die passenden Planungs- und Beratungsansätze bündelt unsere Leistungsübersicht.