Was Wandlungsfähigkeit von Flexibilität unterscheidet
Wandlungsfähigkeit bezeichnet die Fähigkeit einer Fabrik, sich je nach Veränderungsimpuls auf einer oder mehreren Ebenen an neue Forderungen anzupassen. Wiendahl, Reichardt und Nyhuis halten im Handbuch Fabrikplanung fest, dass der Begriff von ähnlichen abzugrenzen ist — Umrüstbarkeit, Flexibilität, Rekonfigurierbarkeit, Transformierbarkeit und Agilität —, und nennen den Grund: um ihn bewertbar zu machen.
Darin liegt der praktische Kern. Flexibilität beschreibt einen vorgedachten Spielraum innerhalb einer gegebenen Struktur; Wandlungsfähigkeit meint die Fähigkeit, die Struktur selbst zu ändern. Wer beides gleichsetzt, verkauft eine Anlage mit breitem Teilespektrum als wandlungsfähige Fabrik.
Woher der Druck kommt
Die Wandlungstreiber sind externer und interner Natur. Im Wesentlichen zeigen sie sich als Volatilität der Nachfrage und als vom Markt erzwungene Varietät des Leistungsangebotes. Ein häufiger Treiber ist daneben eine neue Unternehmensstrategie, ausgelöst durch einen Wechsel des Eigentümers oder des Managements — ein Impuls, der in keiner Absatzprognose steht und trotzdem ganze Strukturen umwirft.
Wandlungsbefähiger — Wandlungsfähigkeit lässt sich einbauen
Damit eine Transformation überhaupt möglich ist, müssen die Systeme bestimmte Eigenschaften besitzen. Das Handbuch bezeichnet sie als Wandlungsbefähiger und definiert sie als inhärente Eigenschaft, die in einem bestimmten Zeitraum aktivierbar ist und eine gewünschte Veränderung bewirkt. Abgeleitet werden sie aus drei wandlungsrelevanten Systemeigenschaften:
Die Zuordnung ist keine Sortierübung. Mobilität sowie Erweiterbarkeit und Reduzierbarkeit gehören zur Systemdynamik und beschreiben die Änderungsfähigkeit von Objekten hinsichtlich Ort und Flächenausdehnung. Modularität sowie Funktions- und Erweiterungsneutralität hängen an der Komplexität und beschreiben die Fähigkeit, verschiedene Systemzustände einzunehmen. Vernetzungsfähigkeit sowie Desintegrations- und Integrationsfähigkeit leiten sich aus der Vernetztheit ab.
Für die praktische Anwendung, so die Autoren, lassen sich diese Begriffe weiter vereinfachen und auf fünf reduzieren. Entscheidend ist die Konsequenz: Wandlungsfähigkeit ist keine Haltung und kein Versprechen, sondern eine Menge von Eigenschaften, die man in Gebäude, Technik und Organisation einbaut — oder eben nicht.
Das Problem, auf das Wandlungsfähigkeit antwortet
Warum es diesen Begriff überhaupt braucht, benennt Grundig in seiner Fabrikplanung präzise. Planung und spätere Nutzung einer Fabrikanlage seien hinsichtlich Zielsetzung und Lösungsgestaltung stets im direkten Wechselzusammenhang zu begreifen — und dabei sei zu beachten, dass beide einen gegensätzlichen Charakter haben:
- Die Planungsergebnisse besitzen (quasi-)statischen Charakter. Sie sind später nur bedingt veränderbar — beziehungsweise nur mit hohem finanziellem Aufwand.
- Die Nutzung der Fabrikanlage besitzt dynamischen Charakter. Sie ist durch die ständige wechselseitige Anpassung von Fabrikanlage und Produktionsaufgabe gekennzeichnet.
Damit ist der Widerspruch benannt, den Wandlungsfähigkeit auflöst: Ein statisches Ergebnis muss einen dynamischen Betrieb tragen. Die Wandlungsbefähiger sind der Versuch, dem statischen Ergebnis von vornherein die Beweglichkeit einzubauen, die der Betrieb später braucht.
Quelle: Grundig, CG. (2018): Fabrikplanung. 6. Auflage, Hanser, Abschnitt 1.
Was das für die Planung heißt
Jeder Wandlungsbefähiger kostet etwas: Mobilität kostet Fundamente und Medienanschlüsse, Modularität kostet Schnittstellen, Erweiterbarkeit kostet Fläche, die zunächst leer steht. Deshalb wird nicht die maximal wandlungsfähige Fabrik geplant, sondern die, deren Befähiger zu den erwarteten Treibern passen. Welche Treiber das sind, klärt man vorab — etwa mit der Szenariotechnik.
Die Ebenen, auf denen die Anpassung stattfindet, beschreibt die Werkstrukturplanung; die Anordnung innerhalb der Bereiche die Layoutplanung. Warum die Planung im Bestand der Regelfall ist, behandelt Greenfield.
Quellen
Wiendahl, H.-P.; Reichardt, J.; Nyhuis, P. (2014): Handbuch Fabrikplanung — Konzept, Gestaltung und Umsetzung wandlungsfähiger Produktionsstätten. 2. Auflage, Hanser; Abschnitt 5. Die Systematik der Wandlungsbefähiger geht dort auf Hernández Morales, R. (2003): Systematik der Wandlungsfähigkeit in der Fabrikplanung zurück und wird hier als gekennzeichnetes Sekundärzitat wiedergegeben.
Wandlungsfähigkeit in der Praxis: Die passenden Planungs- und Beratungsansätze bündelt unsere Leistungsübersicht.