Grundprinzipien
Zwei Grundprinzipien werden unterschieden:
Mann-zur-Ware (Person-zur-Ware): Die kommissionierende Person bewegt sich zum Lagerplatz. Das klassische Verfahren in Fachboden- und Palettenlägern — flexibel und investitionsarm, aber wegezeitintensiv. Der Wegezeitanteil liegt häufig bei mehr als der Hälfte der Kommissionierzeit.
Ware-zum-Mann (Ware-zur-Person): Die Artikel werden der Person automatisch an einen Arbeitsplatz zugeführt, etwa aus einem automatischen Kleinteilelager oder einem Shuttlesystem. Wegezeiten entfallen, die Leistung je Arbeitsplatz steigt, dafür sind Investition und Systemabhängigkeit höher.
Verfahren und Führungstechniken
Die Auftragsabwicklung kann einstufig (auftragsweise) oder mehrstufig (artikelweise mit anschließender Konsolidierung) organisiert sein. Gängige Organisationsformen sind einzelauftragsbezogene Kommissionierung, Multi-Order-Picking und zonenweise Kommissionierung mit Übergabe.
Zur Führung und Quittierung werden eingesetzt: Kommissionierliste, mobile Datenerfassung (MDE-Geräte), Pick-by-Light, Pick-by-Voice und zunehmend Pick-by-Vision. Die Wahl richtet sich nach Positionsdichte, Fehlerkostenrisiko und Sortimentsstruktur.
Kennzahlen
Zur Bewertung der Kommissionierung dienen unter anderem die Kommissionierleistung (Positionen oder Picks je Stunde), die Fehlerquote (häufig als Fehler je 1.000 Picks), der Wegezeitanteil und die Auftragsdurchlaufzeit. Die Kennzahlen sind nur im Kontext der Auftragsstruktur vergleichbar — wenige Positionen je Auftrag erzeugen andere Werte als Großaufträge.
Einordnung in die Planung
Die Auslegung der Kommissionierung ist Teil der Lagerplanung: Aus Artikel- und Auftragsstrukturdaten (ABC-Verteilung, Positionen je Auftrag, Auftragsspitzen) werden Verfahren, Zonen und Technik abgeleitet. In der Praxis wird die Kommissionierung im Rahmen der Lagerplanung dimensioniert und bei der Auswahl von Lagertechnik und Lagerverwaltungssystem mitentschieden.
Systemfindung nach VDI 3590
Für den Weg von den Daten zur Systementscheidung gibt es ein geordnetes Vorgehen. VDI 3590 Blatt 2 beschreibt die Systemfindung in drei Schritten: Grundlagen erheben, Varianten aus Baukästen bilden, Varianten anhand von Kriterien aussortieren.
Basisdaten
Aufbau, Größe, Technik und Abläufe eines Kommissioniersystems werden im Wesentlichen von den Basisdaten bestimmt. Die Richtlinie gliedert sie in vier Gruppen:
- Artikelstrukturdaten — physische Daten wie Abmessungen, Gewicht, Formkennzeichen, Gefahrgutkennzeichen, Stapelfähigkeit, Oberflächenmerkmale und Druckempfindlichkeit, dazu die Zuordnung zu Artikelgruppen und Ladehilfsmitteln.
- Sortimentsdaten — Artikelanzahl, ABC-Struktur nach Absatz oder Volumen, Anzahl und Umfang der Artikel- und Warengruppen.
- Absatzstrukturdaten — statische Größen wie Einheiten je Ladehilfsmittel und dynamische wie Gesamtbestand, Mindestbestand, Absatz je Zeiteinheit und Zugriffshäufigkeit.
- Auftragsstrukturdaten — Zahl und Zusammensetzung der Aufträge, aus denen sich Positionen je Auftrag und Auftragsspitzen ergeben.
Zwei Hinweise der Richtlinie werden in der Praxis regelmäßig übergangen. Erstens sind stets Durchschnitts- und Maximaldaten zu betrachten — eine Auslegung auf Mittelwerte bricht in der Spitze zusammen. Zweitens ist die Datenerhebung kein einmaliger Vorgang, sondern über Planung und Betriebszeit zu wiederholen, um auf Veränderungen reagieren zu können.
Drei Baukästen
Die Lösungsvarianten entstehen aus drei morphologischen Kästen, die die Richtlinie getrennt führt:
- Organisationssystem — ein- oder mehrzonige Betrachtung. Zonen sind organisatorische oder technische Einheiten mit ähnlichen Eigenschaften, etwa Gängigkeitszonen, Greifzonen oder Bereiche gleicher Regaltechnik. Dazu kommt die Ablauforganisation, etwa das Sammeln einer auf mehrere Einheiten aufgeteilten Kommissionierliste nacheinander oder gleichzeitig.
- Informationssystem — die Auftragserfassung erfolgt manuell, teilautomatisch oder automatisch. Bestimmend sind die Zahl der Vorgänge je Zeiteinheit und die geforderte Gesamtdurchlaufzeit eines Auftrags. Auch die Quittierung gehört hierher: je Entnahmeeinheit, je Position oder für alle Positionen gemeinsam.
- Materialflusssystem — die Bewegungen der unmittelbar am Entnahmeprozess beteiligten Systemelemente samt der vor- und nachgelagerten Bewegungen.
Entscheidungskriterien
Neben den Kosten zieht die Richtlinie qualitative und quantitative Kriterien heran. Die quantitativen liefern die Basisdaten. Die qualitativen definiert sie eigens:
- Flexibilität — die kurzfristige Anpassungsmöglichkeit an Schwankungen der geforderten Kommissionierleistung.
- Universalität — Vielseitigkeit in der Anwendung, bezogen auf die Vielgestaltigkeit des Sortiments oder auf künftige Verwendungsmöglichkeiten.
- Modularität — Systeme aus mehreren unabhängig funktionsfähigen Subsystemen, die bausteinweise ausbaufähig sind.
- Verfügbarkeit — bei automatisierten und mechanisierten Systemen von besonderem Gewicht, weil dort der Ausfall eines Elements den Durchsatz des Gesamtsystems bestimmt.
Der Zweck dieser Kriterien ist es, möglichst früh die Varianten auszusortieren, die eine Bedingung verletzen. Für den Systemvergleich zwischen Ist und Soll nennt die Richtlinie außerdem Kostenkennzahlen wie Kosten je Palettenplatz oder je bereitgestelltem Artikel.
Wo die Kommissionierung im Lager steht
Die Kommissionierung ist keine isolierte Tätigkeit, sondern eine Funktion unter mehreren. VDI 3629 „Organisatorische Grundfunktionen im Lager“ (Ausgabe 2005-03) — geschrieben für Planer und Betreiber gleichermaßen und bezogen auf übliche Stückgutlager wie Block-, Regal- und Hochregallager — führt zwölf davon auf:
Zwei Punkte dieser Systematik werden in Projekten regelmäßig unterschätzt. Erstens der Identifikationspunkt (I-Punkt) und die Kontrolle (K-Punkt): Sie sind eigene Funktionen mit eigenem Platz-, Personal- und Zeitbedarf, keine Nebentätigkeiten des Wareneingangs. Zweitens der Hinweis der Richtlinie, dass die beschriebenen Grundfunktionen auch in vor- oder nachgeschalteten Bereichen wahrgenommen werden können — wer sie im Lager sucht und dort nicht findet, hat sie deshalb nicht abgeschafft, sondern nur verschoben.
Woran sich die Lagerorganisation ausrichtet, benennt VDI 3629 ebenfalls: an der Artikelvielfalt, der Umschlagshäufigkeit, den Umschlagmengen und den technischen Einrichtungen. Diese vier Größen stehen vor jeder Entscheidung über ein Kommissionierverfahren.
Die Systemfindung selbst — Basisdaten, Kennzahlen und die drei Baukästen Organisations-, Informations- und Materialflusssystem — behandelt der Abschnitt weiter oben nach VDI 3590 Blatt 2. Für die Lagerbauform siehe automatisches Kleinteilelager, für die Bereitstellung Ware zur Person.
Quelle
VDI 3629 „Organisatorische Grundfunktionen im Lager“, Ausgabe 2005-03, VDI-Handbuch Materialfluss und Fördertechnik Band 8. Ausgabestand am 05.09.2026 in der VDI-Richtlinienliste bestätigt.
Kommissionierung im Projekt richtig anwenden
Die passende Kommissionierstrategie ergibt sich aus Auftragsstruktur, Artikelmerkmalen, Leistung, Fehleranforderung, Ergonomie und der Einbindung in vor- und nachgelagerte Prozesse.
Vor der Anwendung von Kommissionierung werden Ziel, Systemgrenze und gewünschte Entscheidung festgelegt. Ebenso wichtig ist die Abgrenzung zu benachbarten Methoden und Systemen: Welche Prozesse gehören zur Betrachtung, welche Schnittstellen bleiben außerhalb und welche Kennzahlen zeigen eine Verbesserung? Diese Klärung verhindert, dass ein Begriff nur als Etikett verwendet wird oder Teiloptimierungen an anderer Stelle neue Probleme erzeugen.
Eine belastbare Bearbeitung von Kommissionierung verbindet Ist-Daten mit dokumentierten Annahmen. Datenquellen, Bezugszeitraum, Einheiten und Ausnahmen müssen nachvollziehbar sein. Anschließend werden Varianten oder Maßnahmen anhand einheitlicher Kriterien verglichen. Neben Leistung und Kosten gehören dazu je nach Aufgabe Fläche, Bestand, Ergonomie, Qualität, Umsetzbarkeit, Risiko und Erweiterbarkeit.
Das Ergebnis der Anwendung von Kommissionierung sollte eine konkrete Entscheidung oder einen überprüfbaren nächsten Schritt unterstützen. Verantwortlichkeit, Zielwert und Prüfzeitpunkt machen sichtbar, ob die erwartete Wirkung eintritt. Für die Übertragung auf eine reale Aufgabenstellung lässt sich der Begriff mit den passenden Angeboten aus Beratung, Planung, Optimierung und digitaler Bestandsaufnahme verbinden.
Kommissionierung in der Praxis: Die passenden Planungs- und Beratungsansätze bündelt unsere Leistungsübersicht.