Glossar

Kapazitätsplanung und das Dilemma der Ablaufplanung

Kapazitätsplanung balanciert vier Zielgrößen, die einander widersprechen: Durchlaufzeit, Termintreue, Auslastung und Bestand.

Warum Kapazitätsplanung ein Zielkonflikt ist

Kapazitätsplanung legt fest, welche Leistung wann verfügbar sein muss. Ihr Kern ist kein Rechenproblem, sondern ein Zielkonflikt, den Nyhuis und Wiendahl als das Dilemma der Ablaufplanung führen: Kurze Durchlaufzeiten und hohe Termintreue entscheiden über die Lieferfähigkeit gegenüber dem Markt — gleichzeitig dürfen gleichmäßige, hohe Auslastung und niedrige Bestände in Roh-, Halbfertig- und Fertigwaren nicht aus dem Blick geraten.

Vier Ziele, zwei Lager Marktseite kurze Durchlaufzeiten hohe Termintreue — was der Kunde sieht Kostenseite hohe, gleichmäßige Auslastung niedrige Bestände — was die Bilanz sieht Durchlaufdiagramm bildet alle vier Größen in einer Grafik ab — daraus entstehen die Produktionskennlinien Wer nur eine Seite optimiert, verschiebt das Problem auf die andere.
Das Dilemma der Ablaufplanung — eigene Darstellung nach Nyhuis und Wiendahl (2012).

Die vier Größen lassen sich nicht gleichzeitig maximieren. Wer die Auslastung hochfährt, kauft sie mit Beständen und Durchlaufzeit; wer Bestände senkt, riskiert Auslastungslücken. Eine Kapazitätsplanung, die nur eine Seite betrachtet, verschiebt das Problem, statt es zu lösen.

Trichtermodell und Durchlaufdiagramm

Den Durchbruch brachte ein Modell, das alle vier Größen gemeinsam sichtbar macht. Das Anfang der siebziger Jahre von Hans Kettner und seinen Mitarbeitern am Institut für Fabrikanlagen der Universität Hannover entwickelte Trichtermodell und das daraus abgeleitete Durchlaufdiagramm stießen nach Nyhuis und Wiendahl auf großes Interesse, weil sich Durchlaufzeit, Bestand, Auslastung und Termintreue erstmals schlüssig in einer Grafik abbilden ließen.

Daraus entstand die belastungsorientierte Auftragsfreigabe und später die belastungsorientierte Fertigungsregelung, die in der Werkstattfertigung weite Verbreitung fand.

Produktionskennlinien

Die Produktionskennlinien stellen die Abhängigkeit von Auslastung und Durchlaufzeit vom Bestand erstmals quantitativ dar. Ursprünglich in Simulationsuntersuchungen entwickelt, waren sie wegen des Simulationsaufwands auf die Forschung beschränkt. Erst Anfang der neunziger Jahre gelang es in der Dissertation von Nyhuis, sie auf Basis eines von v. Wedemeyer vorgeschlagenen Idealmodells des Fertigungsablaufs einfach zu berechnen — verbunden mit experimentell und empirisch abgesicherten Untersuchungen.

Die praktische Konsequenz: Der Zusammenhang zwischen Bestand und Leistung ist keine Erfahrungssache mehr, sondern rechenbar. Vor jeder Kapazitätsentscheidung steht deshalb die Frage, an welchem Punkt dieser Kennlinie der Betrieb heute arbeitet.

Einordnung

Die Kapazitätsplanung setzt auf dem Mengengerüst auf und liefert die Eingangsgrößen für die Dimensionierung der Teilsysteme. Der Zusammenhang zwischen Bestand, Durchsatz und Durchlaufzeit wird auch über Little's Law beschrieben. Wo Wechselwirkungen die Rechnung übersteigen, hilft eine Simulationsstudie.

Quelle

Nyhuis, P.; Wiendahl, H.-P. (2012): Logistische Kennlinien — Grundlagen, Werkzeuge und Anwendungen. 3. Auflage, Springer.

Kapazitätsplanung in der Praxis: Die passenden Planungs- und Beratungsansätze bündelt unsere Leistungsübersicht.

FAQ

Häufige Fragen

Was ist das Dilemma der Ablaufplanung?

Nyhuis und Wiendahl bezeichnen damit den Zielkonflikt zwischen kurzen Durchlaufzeiten und hoher Termintreue auf der einen Seite und gleichmäßiger, hoher Auslastung sowie niedrigen Beständen auf der anderen. Die vier Größen lassen sich nicht gleichzeitig maximieren.

Wozu dient das Durchlaufdiagramm?

Es macht Durchlaufzeit, Bestand, Auslastung und Termintreue gemeinsam in einer Grafik sichtbar. Entwickelt wurde es aus dem Trichtermodell, das Anfang der siebziger Jahre am Institut für Fabrikanlagen der Universität Hannover entstand.

Was sagen Produktionskennlinien aus?

Sie stellen quantitativ dar, wie Auslastung und Durchlaufzeit vom Bestand abhängen. Damit lässt sich bestimmen, an welchem Punkt zwischen Auslastungsverlust und Bestandsaufbau ein Betrieb tatsächlich arbeitet.