Was zeigt ein Spaghetti-Diagramm?
Ein Spaghetti-Diagramm — auch Wegediagramm genannt — hält die tatsächlich gelaufenen oder gefahrenen Wege in einem maßstäblichen Layout fest: Jede beobachtete Bewegung wird als Linie nachgezogen. Der Name stammt vom Linienknäuel, das bei unaufgeräumten Abläufen entsteht. Typische Einsatzfelder sind Kommissionierwege im Lager, Montage- und Rüstabläufe am Arbeitsplatz sowie Lauf- und Suchwege in indirekten Bereichen.
So entsteht die Aufnahme
- Beobachtungszeitraum, Person oder Objekt und Layoutgrundlage festlegen.
- Repräsentative Aufträge oder Vorgänge auswählen — keine Ausnahmesituationen.
- Jeden Weg als durchgehende Linie in das Layout einzeichnen, auf Papier oder digital.
- Häufig wiederkehrende Wege durch mehrfaches Nachziehen oder dickere Linien kenntlich machen.
- Start- und Endpunkte, Unterbrechungen und Suchschleifen markieren.
Auswertung: Was die Linien verraten
Dichte Linienbündel zeigen die Hauptbeziehungen — Kandidaten für kurze Wege und direkte Anordnung. Kreuzungen und Rückläufe deuten auf eine ungünstige Reihenfolge oder fehlende Ordnung, lange Einzelwege auf falsch platzierte Bereitstellung oder Ausrüstung. Für die Quantifizierung wird je Beziehung Wegstrecke mal Häufigkeit gerechnet; so lassen sich Varianten vor und nach einer Umstellung vergleichen.
Das Spaghetti-Diagramm zeigt einzelne Beobachtungen. Für verdichtete Beziehungsmengen ergänzt die Materialflussmatrix, für proportionale Mengenflüsse das Sankey-Diagramm.
Grenzen der Methode
Die Aufnahme ist eine Momentaufnahme des beobachteten Zeitraums: Sie belegt weder Auslastung noch Wartezeiten und kann seltene, aber kritische Wege verfehlen. Bei komplexen Wechselwirkungen zwischen Ressourcen hilft eine Simulationsstudie weiter. Als schnelles Diagnosewerkzeug vor einer Layoutplanung oder der Neuordnung der Kommissionierung ist das Diagramm durch wenig Aufwand und hohe Anschaulichkeit kaum zu schlagen; eingebettet ist es in die Materialflussanalyse.
Zwei Dinge heißen so
Der Begriff trägt in der Fabrik und in der Datenanalyse zwei verschiedene Bedeutungen, und die Verwechslung führt in Projekten regelmäßig aneinander vorbei.
- Das Wegediagramm auf dem Hallenboden — der oben beschriebene Fall. Es zeigt physische Wege in einem maßstäblichen Layout.
- Das Spaghetti-Modell im Process Mining — ein aus Ereignisdaten erzeugter Graph, der so viele Knoten und Kanten enthält, dass er unlesbar wird. Hier bildet nichts einen Weg im Raum ab; die Linien sind Übergänge zwischen Aktivitäten.
Warum das zweite Knäuel gefährlicher ist
Das unlesbare Prozessmodell entsteht meist aus einem Directly-Follows-Graph (DFG), der Standardansicht der verbreiteten Werkzeuge. Van der Aalst hat 2019 zusammengetragen, was dabei schiefgeht — und der Kern ist unangenehm: Ein DFG kann Nebenläufigkeit nicht darstellen. Laufen zwei Schritte parallel, muss der Graph zwischen ihnen eine Schleife einziehen. Was dann wie Nacharbeit aussieht, ist in Wirklichkeit gleichzeitige Arbeit.
Dazu kommt die Vereinfachung selbst: Um die Komplexität zu bändigen, entfernen die Werkzeuge Knoten und Kanten anhand von Häufigkeitsschwellen. Van der Aalst hält dazu fest, dass die meisten Abläufe auf einem solchen Graphen gar nicht mehr nachgespielt werden können und die ausgewiesenen Zeiten zwischen zwei Aktivitäten bedingte Werte sind — „one cannot rely on DFG-based performance diagnostics".
Für die Praxis heißt das: Das Wegediagramm im Layout ist ein ehrliches Beobachtungsprotokoll. Das Spaghetti-Modell aus dem Werkzeug ist ein Rechenergebnis mit Voreinstellungen, die man kennen muss, bevor man es interpretiert.
Quellen
van der Aalst, W. M. P. (2019): A practitioner’s guide to process mining: Limitations of the directly-follows graph. Procedia Computer Science 164, S. 321–328, DOI 10.1016/j.procs.2019.12.189.
Spaghetti-Diagramm in der Praxis: Die passenden Planungs- und Beratungsansätze bündelt unsere Leistungsübersicht.