Glossar

Object-Centric Process Mining (OCPM)

Object-Centric Process Mining hält die Beziehungen zwischen Auftrag, Material, Charge und Lieferung fest, statt sie in eine Case-ID zu pressen.

Was ist Object-Centric Process Mining?

Object-Centric Process Mining ordnet ein Ereignis einem oder mehreren Geschäftsobjekten zu. Statt alle Abläufe in eine einzige Case-ID zu pressen, bleiben Beziehungen zwischen beispielsweise Kundenauftrag, Bestellung, Material, Charge, Handling Unit und Lieferung erhalten.

Warum reicht eine Case-ID nicht immer?

Ein Auftrag kann mehrere Positionen enthalten, eine Lieferung mehrere Aufträge bündeln und ein Material in verschiedene Chargen oder Ladungsträger übergehen. Wird jedes Objekt als eigener Fall betrachtet, werden gemeinsame Ereignisse dupliziert. Wird nur ein Objekt gewählt, verschwinden andere Beziehungen. Beide Varianten können Häufigkeiten, Durchlaufzeiten und Varianten verzerren.

Objektzentriertes Ereignismodell

Ereignisse besitzen Aktivität und Zeitbezug und verweisen auf die beteiligten Objekte mit ihrem Typ. Objektbeziehungen und Änderungen bleiben nachvollziehbar. Die Analyse kann anschließend entlang eines Objekttyps erfolgen oder das Zusammenspiel mehrerer Typen untersuchen.

Typische industrielle Anwendungen

  • Order-to-Cash mit Auftrag, Position, Lieferung und Rechnung
  • Produktion mit Auftrag, Material, Charge und Ressource
  • Intralogistik mit Transportauftrag, Handling Unit und Fahrzeug
  • Instandhaltung mit Anlage, Meldung, Auftrag und Ersatzteil

Voraussetzungen und Grenzen

OCPM löst kein schlechtes Datenverständnis automatisch. Objektidentitäten, Lebenszyklen, Beziehungen und Zeitsemantik müssen fachlich geklärt werden.

Konvergenz und Divergenz — die beiden Fehler mit Namen

Was beim Zusammenpressen auf eine einzige Case-ID schiefgeht, hat in der Fachliteratur zwei feste Bezeichnungen. Van der Aalst und Berti benennen sie 2020 als die beiden Probleme des Flattening:

  • Konvergenz. Ein Ereignis gehört zu mehreren Fällen. Beim Flachklopfen wird es je Fall einmal kopiert — und erscheint in der Auswertung mehrfach, obwohl es einmal stattgefunden hat. Häufigkeiten und Aufwände werden dadurch systematisch überschätzt.
  • Divergenz. Innerhalb eines Falls treten mehrere Instanzen derselben Aktivität auf — etwa zehn Positionen in einem Auftrag, wenn der Auftrag als Objekttyp gewählt wird. Das Modell zeigt dann Schleifen und Reihenfolgen, die es im Prozess nicht gibt.

Beide Effekte erzeugen keine Fehlermeldung. Sie erzeugen ein plausibel aussehendes Modell mit falschen Zahlen — das ist der Grund, warum die Wahl des Objekttyps vor der Analyse fachlich zu entscheiden ist und nicht nach dem Ergebnis.

Quellen

van der Aalst, W. (2019): Object-Centric Process Mining: Dealing with Divergence and Convergence in Event Data. In: Ölveczky, P.; Salaün, G. (Hrsg.): Software Engineering and Formal Methods, LNCS 11724, Springer. Ergänzend van der Aalst, W.; Berti, A. (2020): Discovering Object-Centric Petri Nets. Fundamenta Informaticae 175(1–4), S. 1–40.

Die komplexere Sicht wird nur eingesetzt, wenn sie eine konkrete Analysefrage besser beantwortet als ein klassischer Event Log.

Object-Centric Process Mining im Projekt richtig anwenden

Object-Centric Process Mining ist besonders relevant, wenn Aufträge, Materialien, Chargen und Lieferungen in einer Analyse gemeinsam betrachtet werden müssen.

Vor der Anwendung von Object-Centric Process Mining werden Ziel, Systemgrenze und gewünschte Entscheidung festgelegt. Ebenso wichtig ist die Abgrenzung zu benachbarten Methoden und Systemen: Welche Prozesse gehören zur Betrachtung, welche Schnittstellen bleiben außerhalb und welche Kennzahlen zeigen eine Verbesserung? Diese Klärung verhindert, dass ein Begriff nur als Etikett verwendet wird oder Teiloptimierungen an anderer Stelle neue Probleme erzeugen.

Eine belastbare Bearbeitung von Object-Centric Process Mining verbindet Ist-Daten mit dokumentierten Annahmen. Datenquellen, Bezugszeitraum, Einheiten und Ausnahmen müssen nachvollziehbar sein. Anschließend werden Varianten oder Maßnahmen anhand einheitlicher Kriterien verglichen. Neben Leistung und Kosten gehören dazu je nach Aufgabe Fläche, Bestand, Ergonomie, Qualität, Umsetzbarkeit, Risiko und Erweiterbarkeit.

Das Ergebnis der Anwendung von Object-Centric Process Mining sollte eine konkrete Entscheidung oder einen überprüfbaren nächsten Schritt unterstützen. Verantwortlichkeit, Zielwert und Prüfzeitpunkt machen sichtbar, ob die erwartete Wirkung eintritt. Für die Übertragung auf eine reale Aufgabenstellung lässt sich der Begriff mit den passenden Angeboten aus Beratung, Planung, Optimierung und digitaler Bestandsaufnahme verbinden.

Object-Centric Process Mining in der Praxis: Die passenden Planungs- und Beratungsansätze bündelt unsere Leistungsübersicht.

FAQ

Häufige Fragen

Wann ist OCPM sinnvoll?

Wenn mehrere interagierende Geschäftsobjekte nicht verlustfrei durch eine einzige Case-ID dargestellt werden können.

Ersetzt OCPM klassisches Process Mining?

Für klar fallorientierte Prozesse bleibt der klassische Event Log einfacher und ausreichend.

Welche Daten werden benötigt?

Stabile Objekt-IDs, Ereignisse mit Zeit und Aktivität sowie nachvollziehbare Beziehungen zwischen den Objekten.